Juni 2015

Männer, die auf Wolken starren

Wenn wir eines lernen in diesen Tagen, so ist es die Unberechenbarkeit des Wetters. Der kanadische Sommer ist ein launisches Wesen. In vielen Momenten zeigt er sich von seiner schönsten Seite. Man sieht es der Bräune in Gesicht und Armen mittlerweile an.

Doch wehe, wir paddeln manchmal auch nur eine Biegung weiter. Schon geraten wir in einen heftigen Schauer, der seinesgleichen sucht. Regenjacke, Spritzschutz, Südwester? Vergesst es. Dann hilft nur noch: in rasender Geschwindigkeit anlegen, Boot festmachen, in den Wald und das Tarp aufspannen. Und spätestens dann bricht das Unwetter auch schon schon über einen herein: Mit gewaltigen Windböen, teilweise Hagel und Unmengen Regen. Nach einer halben Stunde ist dann meistens alles wieder vorbei. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, war da was?

Es gibt aber auch den anderen Regen in Kanada, den „Ich ziehe knapp an Euch vorbei und ärgere Euch“-Regen. Wir haben also gerade mit der obigen Prozedur einen Regenunterstand aufgebaut…. und es tröpfelt über Stunden links ein bisschen und rechts ein bisschen. War es das jetzt, kommt da noch was? Denn bei Regen können wir fahren, nicht aber bei einer Sintflut. Und so starren wir mit bangem Blick in den Himmel und versuchen uns als Meteorologen. Motto: Wenn’s mal wieder länger dauert. Bei einem solchen Anlass ist auch das – tatsächlich ungestellte – Foto in diesem Beitrag entstanden. Das Warten auf Regen oder eben Nicht-Regen war dann doch zu ermüdend.

Mittlerweile haben wir aber weitere ausgefeilte Taktiken entwickelt, um dem Regen ein Schnippchen zu schlagen. Methode I: Boot treiben lassen, bis der Regen vor einem niedergeregnet ist. Methode II: Wetterbericht ignorieren. Das Wetter lässt sich hier genau so treffsicher vorhersagen wie die Lottozahlen. Methode III haben wir vor wenigen Stunden an unserem Nachtlager auf einer Insel ausprobiert. Während es um uns herum auf allen Seiten über Stunden schüttete, schien auf unser Lager die warme Abendsonne. So machen es wohl die wahren Profis in diesem kanadischen, ein wenig launischen Sommer.

Feuertaufe in den kanadischen Strom-Schnellen

Sie sind unter Yukon-Befahrern sagenumwoben, heute haben wir sie gut hinter uns gebracht: die Stromschnellen Five Finger Rapids und Rink Rapids. Und nachdem wir im Vorfeld manch Legende und irritierende Geschichte gehört haben, war uns trotz aller guten Vorbereitung dann doch etwas bange zumute.

Als früher die Dampfschiffe auf ihrem Weg zwischen Whitehorse und Dawson City durch die Stromschnellen fahren mussten, kam es regelmäßig zu Schiffbruch und tödlichen Unfällen. Denn mitten im Fluss ruhen nebeneinander fünf Felsen, an denen sich der Yukon vorbeizwängen muss und entsprechend schnell wird. Heitere Aussichten, oder? Immerhin wurde aber mittlerweile ein Teil eines Felsens weggesprengt, um die Befahrbarkeit zu verbessern. Eine Sonntagsfahrt müssen die Rapids deswegen noch lange nicht werden. Deswegen auch die Vorsichtsmaßnahmen: Rettungsweste ist sowieso Pflicht, die Ausrüstung ist allesamt sicher vertäut, Paddelsicherung, Schwimmleine an Rettungsweste, Persenning zum Schutz vor eindringenden Wasser noch einmal festgezurrt. Und 33 weitere Dinge. Auch die Spiegelreflex muss unter Deck, deswegen gibt’s hier erstmal nur ein Bild aus der Ferne. Und dann, das Grollen. Schon aus der Ferne ist es zu hören. Wir biegen mit unserem Kajak um die Kurve, tasten uns voran. Langsam nimmt die Strömung zu, wir fahren immer näher an die majestätischen Felsen. Wir halten uns ganz rechts, alles andere wäre gefährlich. Von oben rechts ruft jemand von der Aussichtsplan etwas herunter. Wir können ihn nicht verstanden, nehmen es aber als Aufmunterung. Und dann schlägt der Yukon schon mächtige Wellen, Schaumkronen sind zu sehen, unser Boot mit dem Fracht-Aufbau schaukelt schon etwas. Aber harte Schläge, möglichst geschwind und kontrolliert durch die Wellen und Strudel. Und nach fünf Minuten ist alles vorbei, der Fluss beruhigt sich wieder. Und wir jubeln. Irgendwie hat es sogar Spaß gemacht.

Die Rink Rapids kommen dann einige Kilometer später. Aber auch wenn es linkerhand mächtig schäumt und braust, fahren wir am rechten Rand des Flusses mit Kraft, aber letztlich entspannt daran vorbei. Und die gute Nachricht: Herausforderungen warten sicher noch reichlich auf uns, Stromschnellen aber nicht mehr. Heute Abend gab’s auf die bestandene Feuertaufe erst mal ein echtes Luxusgut: eine Tüte Chips zum Nachtisch, eigens über den Yukon gepaddelt. Und wir, wir stehen inzwischen bei 370 Flusskilometern. Die Rapids waren eine Episode, die wir mit Euch geteilt haben. Es gibt so viel mehr und einzigartiges, was wir hier jeden Tag erleben. Davon werden wir erzählen, von Zeit zu Zeit, von unserer Yukon-Tour im Zeichen der niemals untergehenden Sonne.

WLAN sei Dank: Eine kleine Foto-Galerie

WLAN sei Dank: Eine kleine Foto-Galerie

Diese sogenannte Zivilisation hat ab und zu auch Vorteile. Wie hier in Carmacks in Form von Duschen und sogar einer Waschmaschine. Für Euch aber natürlich besonders interessant ist das verfügbare WLAN. Zwar scheiterte die Frau am Tresen komplett an unseren Namen, aber wir haben unseren Benutzer-Account dann doch noch bekommen. Deswegen hier einfach mal unkommentiert einige Fotos der letzten Yukon-Tage.

100 Kilometer, immer Carmacks entgegen

100 Kilometer, immer Carmacks entgegen

Und wieder ist es weit nach Mitternacht, irgendwo in den ewigen Weiten des Yukon Territory. Wir sind immer noch wach, die Vögel zwitschern, die Natur macht in dieser Nacht keine Pause. In einem Kraftakt haben wir es geschafft, von unserem Nachtlager vor Big Salmon bis zum kleinen Dorf Carmacks zu kommen. Knapp 100 Kilometer haben wir uns vorgearbeitet, Biegung nach Biegung, Flussschleife nach Flussschleife.

Zwischendurch ist es heiß geworden, so dass wir unsere Boote – die liebenswerten Österreicher Herwig und Volkmar sind weiter Teil der Truppe – kurzzeitig zum Sonnendeck umgeflaggt haben. Wo schmeckt ein Honig-Müsliriegel besser als auf einem Boot, sich langsam den Fluss hinunter treibend?Zugebener Maßen ist dazu das leicht rauchige abgekochte Trinkwasser etwas gewöhnungsbedürftig, aber dafür ist es keimfrei.

Die Schwielen an den Händen nehmen derweil zu, die Blasen ebenso, Muskelkater und andere kleinere Befindlichkeiten paddeln wir derzeit weg. Die Bärte werden länger, die Bräune nimmt zu. Wir sind glücklich und ein wenig stolz, die ersten 300 Kilometer unserer Reise und auch den heiklen Lake Laberge so gut und schön verbracht zu haben.

Wie geht’s jetzt weiter? Heute Abend haben wir am Camp Coalmine in Carmacks festgemacht (Danke, Chris!). Ein Zeltplatz inmitten von Nadelbäumen, außerdem mit heißer Dusche und warmem Essen. Nach sechs Tagen schließlich ein Glücksgefühl, das einem die drei Dollar und 6,5 Minuten lange Dusche beschert. Motto von Jan-Philipp: Wie Achterbahnfahren. Man steigt ein, hat eine tolle Zeit, und urplötzlich und viel zu schnell ist alles schon wieder vorbei. Denn wir haben zwar als echte Abenteurer genug Cash am Mann, aber kaum Dollar-Münzen.

Morgen nehmen wir uns einen Tag Auszeit, um die Ausrüstung zu pflegen, sortieren und zu überprüfen. Die kommenden Abschnitte wollen geplant werden. Außerdem möchtem wir uns In Carmacks mit frischem Lebensmitteln eindecken, bevor es Donnerstag wieder weiter geht Richtung Dawson City. Bis dahin sind es noch gut 400 Kilometer auf Yukon. Weiter, immer weiter durch Kanada.

Weitere Bilder folgen.

Unterwegs in der Postkarten-Idylle

Wunderschönes Kanada, wunderschöner Yukon. Vier Tage sind wir jetzt schon unterwegs, und immer wieder überwältigt von der Natur. Der Tag ist vom morgendlichen Lagerfeuer bis zum abendlichen Lagerfeuer so ausgefüllt, dass man noch gar nicht dazu kommt, das alles einzuordnen und zu begreifen. Deswegen hier erstmal nach Mitternacht ein paar Eindrücke und Beobachtungen.

Der Yukon sieht hier gerade, nach ungefähr 140 Kilometern, so aus wie das Mittelmeer. Wir rasten Nähe des Zuflusses des Teslin River. Man paddelt über den schneller werdenden Fluss, fährt vorbei an Steilhängen, Wäldern, Bergen, idyllischen Buchten, Kiesstränden mit blühendem Schnittlauch. Wir haben mittlerweile mächtig viel Sonne abbekommen, unsere Bärte werden länger, der Lebensrhythmus wird ganz vom großen Fluss geprägt.

Was am Anfang am ersten Tag ein zufälliges Zusammentreffen mit zwei Österreichern war, hat sich mittlerweile zur festen Paddelgruppe mit Herwig und Volkmar entwickelt. Zu viert schlagen wir unser Nachtlager auf, kochen, quatschen, paddeln und rasten. Zu den beiden bald mal mehr, dann auch mit Foto, wenn die Satellitenverbindung hier im Busch nicht streikt.

Am längsten Tag des Jahres – 21.6. – sind wir hier immer noch im Hellen unterwegs. Den potentiell tückischen Lake Leberge haben wir schon erfolgreich hinter uns gelassen, ebenso die traumhaft schönen Thirty Miles mit vielen historischen Relikten aus der Goldgräberzeit. Wir planen derzeit, bis Dienstagabend in Carmacks zu sein. Die erste Siedlung, seitdem wir Donnerstagmittag die Zivilisation verlassen haben. Im Moment ist es eine tolle Reise durch eine unberührte Naturlandschaft, und einen Gold-Rush-Kurs gibt es gratis dazu. Bald wieder mehr, vielleicht gibt es in Carmacks Mobiles Internet und wir können euch eln paar Bilder schicken. Gold schürfen wollen wir auch noch.

Rendez-Vous mit Meister Petz

Wir haben ihn tatsächlich gesehen, einen ausgewachsenen Braunbären. So richtig glauben können wir es noch nicht, immerhin sind die Tiere extrem scheu. Es gibt reichlich Kanuten, die wochenlang durch Kanada paddeln, ohne einen einzigen Grizzly auch nur aus der Ferne zu Gesicht zu bekommen. Nicht so bei uns, und das an Tag 2: Wir waren offenbar zufällig genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und konnten einen Bären beobachten, der eine Portion Yukon-Wasser trank und sich dann wieder ins Gebüsch trollte.

Grusel? Faszination? Nervenflattern? Freude? Wahrscheinlich war es heute eine Mischung aus allen vier Dingen.

Umso mehr ist es auch eine Erinnerung, wie wichtig das Thema Bärensicherheit zu nehmen ist. Das bedeutet also: alles wegschließen, was riecht. Sämtliche Lebensmittelreste verbrennen. Laut reden, bevor man in den Wald geht. Damit hat man schon 99% aller Bären in die Flucht geschlagen, erst recht bei zwei Reisenden. Für das mögliche eine Prozent haben wir aber natürlich auch eine Lösung: Zunächst Bear Bangers – eine Art Signalrakete, die bei Abschuss laute Geräusche macht. Außerdem Bärenspray: superstarkes Pfefferspray, was das Tier außer Gefecht setzt. Und als letzte Option haben wir ja auch noch die Pumpgun, wobei die wirklich fürs Gefühl ist. Die Kanadier machen sich über die Vorsicht der Europäer eh eher lustig.

Wir beherzigen trotzdem weiter brav alle Bären-Tipps, so haben wir heute eine Art sieben Meter hohes Stativ aus Holz gebaut, an das wir die Lebensmittelsäcke hinaufgezogen haben. Und so laufen und paddeln wir dann hier weiter beruhigt durch die Gegend, auch wenn man ganz anders als daheim in den Wald schaut. Und wir genießen weiter sensationelles Wetter, ebensolche Aussichten – und heute eben den Anblick eines echten Braunbären.

English summary: Yes, we really saw one. One big, fascinating Grizzly drinking some Yukon water on the shore. Such an amazing experience, we had to share it with you. And it is a short reminder to keep bear safety in different dimensions a daily task. But, hey, wow, we saw a bear on day two!

Die erste Nacht am Yukon

Die erste Nacht am Yukon

Mitternacht. Wir liegen endlich im Zelt, alle Mücken sind ausgesperrt, der erste Paddeltag liegt hinter uns. Der Fluss wollte uns allerdings nicht mit seiner Strömung mit sich führen, sondern der Wind blies und mächtig ins Gesicht. Dennoch haben wir es in einem halben Tag bis kurz vor den Lake Laberge geschafft.

Außerdem haben wir zwei nette Österreicher kennengelernt, und dann auch ein Lager gemeinsam errichtet. Inklusive Würstchen am Lagerfeuer, traumhafter Kulisse, Bärensicheres Lagern der Säcke in den Bäumen, dazu als gemeinsames Abendessen frische Würstchen, Erbsensuppe und Brot. Morgen geht es auf den Lake Laberge.

Für alles andere zu müde und erschöpft. Aber die kanadische Wildnis, die ist wirklich atemberaubend. Schaut Euch doch noch diese Bilder an.

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